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Dienstag, 18. Juni 2013

Venedig, Brunetti und ich.



Der Frühsommer ist natürlich auch ein schöner Lese-Sommer: gleich zwei Neuerscheinungen meiner derzeitigen Lieblingskrimis im Mai! Commissario Brunetti geht in Venedig vertraute Wege bei der Aufklärung seines 21. Falls und der sympathische "chef de police" Bruno Courrèges müht sich mit seinem mittlerweile auch schon fünften Fall. Tauchen wir also in ihre fiktive und doch so reale Welt ein und schauen mal, welche Region uns persönlich am meisten locken könnte. Denn eines steht fest: wir alle drei sind bekennende Genießer und Freunde schöner Stunden...

Donna Leon veröffentlicht also im Mai 2013 nach 21 Jahren den 21. Roman um Commissario Brunetti - und ich überlege, ob ich ihn mir überhaupt kaufen soll! Die letzten Romane hatten nicht die Klarheit und Schönheit der ersten Folgen, irgendwie schienen die Geschichten um das berühmteste Kommissariat der Welt auserzählt. Als Leser war man mit Brunetti in allen Bars der Stadt gewesen, man hatte alle Sehenswürdigkeiten besucht und die charmante Gattin Brunettis hatte alle klassischen venezianischen Gerichte bereits einmal zubereitet. Das passende Kochbuch dazu erschien schon vor geraumer Zeit.
Aber meine Verehrung für Donna Leon sowie meine immer vorhandene Lust auf literarische oder kulinarische Streifzüge durch die Serenissima öffneten meinen Geldbeutel und amazon lieferte sogar einen Tag vor dem Ersterscheinungsdatum. Mein Balkon war sonnig, mein Wein - ein Amarone von tommasi aus dem starken Jahrgang 1997 - kommt natürlich aus dem Veneto, das Abenteuer konnte beginnen. Und es beginnt herb:
Ein Mann ist nämlich ermordet worden. Ein Klotz von einem Kerl, verunstaltet von einer Krankheit, die Männer in Fässer verwandelt. Brunetti und Vianello fangen an zu ermitteln. Eine Seele von Mensch war der Tote, ein Tierarzt und seit einiger Zeit auch Gutachter an einem Schlachthof – weil das Geld aus seiner Kleintier-Praxis nicht reicht . Während die beiden Polizisten vor allem auf die klassische Art und Weise ermitteln, Zeugen und mutmaßliche Verdächtige aufsuchen, Orte und Unternehmen abklappern, werden sie wie stets von der coolen Sekretärin Signorina Elettra unterstützt, die sich wie keine andere mit mehr oder weniger legaler Computerrecherche auskennt. Nicht zuletzt - und darauf wartet ja der Brunetti-Kenner auch - werden sie immer wieder mal ausgebremst vom Vize-Questore Patta, der zum Glück nie merkt, wie Brunetti ihn manipuliert. 
Das ist in diesem Brunetti-Band der amüsante Teil. 



Alles andere ist trotz der immer wieder schön beschriebenen Kulisse in der Stadt besorgniserregend, weil nahe an der Realität, wie die zahlreichen Lebensmittelskandale nicht nur in Deutschland belegen. Brunetti muss also auf‘s Festland, nach Mestre, in den dortigen Schlachthof. Der Leser ahnt's schon vom Titel her: das kann nicht gut gehen. Dem Commissario verschlägt's prompt die Sprache und fast den Appetit -  da wäre er doch beinahe zu meinem Entsetzen Vegetarier geworden. Es geht nämlich wie immer bei Donna Leon um einen Wirtschaftszweig, der mit sehr dubiosen, ja brutalen Methoden arbeitet. Es geht um Korruption. Um die Mafia, hier im speziellen um eine "Fleisch"-Mafia. Aber es geht natürlich auch um die "kleinen" Dinge: eine zerbrochene Ehe, um eine große gierige Frau. Brunetti schultert jedoch nicht all dieses Leid und das Übel der Welt, er schaut es sich an und schüttelt für uns  alle den Kopf. Ich lerne, dass man auch in Italien durchaus Grund hat, dem Schnitzel zu misstrauen, sofern ich überhaupt auf die Idee kommen sollte, mir in Italien ein paniertes Schnitzel zu bestellen.
Und das war auch schon die dunkle Seite des Buches. 
Denn: Das Wetter ist herrlich. Die Stadt strahlt im frischen Glanz des beginnenden Frühsommers. Paola Brunetti ist immer noch unendlich charmant, belesen, klug und zeigt doch neue Seiten. Der Prosecco ist zwar kalt gestellt, aber irgendwie scheint der reiche Papa seiner Tochter und seinem Schwiegersohn das eine oder andere zukommen zu lassen: es gibt gleich zweimal Champagner!! Immer dann, wenn Brunetti verstärkt von Schlachthaus-Fantasien gequält wird und von den allzu häufigen Besuchen auf dem Festland geschwächt ist. Paola versteht dies, Champagner mit ein paar Nüssen hilft anscheinend besser als Prosecco mit Pecorino zum Beispiel...


Es sei ihm gegönnt, denn Brunetti wird langsam älter. So wie ich auch. Aber er hat eindeutig größere Privilegien: Er schleppt sich morgens erst gegen 11 Uhr ins Büro, nach einer kurzen Befragung darf er mit seinem Kumpel Vianello dann schon ins Café für einen ersten Wein und einige Tramezzini. Die aber bitte ohne Schinken. Der Schlachthaus-Besuch verdirbt ihm doch immer wieder etwas den Appetit. Da hilft dann nur eins: wer spät ins Büro kommt, muss dafür früher gehen. Der Champagner, Paola, die braven Kinder und ein nettes Drei-Gang-Menü warten auf seiner herrlichen Terrasse.
Er hat's gut...

11 Uhr ist zwar für eine schwäbisch-prostestantische Arbeitsethik schon ein arg später Arbeitsbeginn, aber..., vielleicht... Nun ja: Ich sitze auf meinem Balkon und überlege, dass dieses Leben mir in jedem Fall auch gefallen könnte.
So wie der gesamte Roman von Donna Leon. Sie schafft mit diesem Band wieder eine Rückkehr zu den Wurzeln: die Story ist vom kriminalistischen her stringent, auch wenn man als Leser früh ahnt, wohin die Reise geht. Alle liebenswerten kleinen Randgeschichten sind mit einer deutlichen Sympathie der Autorin für ihren Helden ausgearbeitet worden, Venedig ist bei aller Kritik an den Verhältnissen immer noch romantisch und reizvoll.
Nur: ich habe nicht nur keine Terrasse wie Brunetti, sondern auch kein Drei-Gänge-Menü zur Hand und außerdem muss ich eben doch morgen pünktlich ins Büro. Aber ich habe wieder einen echten Brunetti-Roman gelesen.  Also gieße ich mir noch etwas Rotwein nach, schließe die Augen und träume von Venedig. Dolce farniente.